150 Jahre Geodäsie und 100 Jahre Geodätisches Institut an der TU Darmstadt

1860 - 1910 - 2010

Am 09. Dezember 2010 konnte das Geodätische Institut im Rahmen eines Festkolloquiums ein besonderes Jubiläum begehen. Das Fach Geodäsie wird seit (mindestens) 1860 an der TU Darmstadt (bzw. seine Vorgängerinstitutionen) gelehrt. Im Studienjahr 1910/11 wurde das Geodätische Institut an der damaligen TH Darmstadt gegründet.

Entwicklung der Geodäsie

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die „Ingenieurwissenschaften“ noch sehr viel stärker miteinander verknüpft als sie es heute sind. So gibt JOHANN GOTTFRIED TULLA (Karlsruhe) 1809 in einer Denkschrift über das damalige berufliche Wirkungsfeld der Ingenieure, Geometer und Feldmesser Aufschluss. Darin heißt es:

Der Ingenieur habe zu besorgen:

  1. den Wasserbau (Flussbau, Kanalbau, Schleusenbau, Wehrbau, Brückenbau)
  2. das Maschinenwesen (Mühlenbau, Wasserhebungsmaschinen, Maschinenwesen)
  3. den Straßenbau
  4. die Landesvermessung (geographische Vermessung, topographische Vermessung, Renovationen, Teilungen, Grenzberichtigung, Flussvermessung, Nivellieren)
  5. die Muttermaße und Gewichte.

Die Teilung in die heute bekannten Ingenieurdisziplinen (Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen, Geodäsie etc.) begann erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Als Ausübende der praktischen Geometrie finden wir im 18. Jahrhundert die Geometer und Feldmesser, die zum Teil freischaffend, zum Teil aber auch besoldet im Dienste einer Grundherrschaft standen. Aufgaben der Landesvermessung, also der höheren Geodäsie, wurden nur vereinzelt und in geringem Umfang durchgeführt; sie gehörten zum Tätigkeitsbereich der Ingenieure bzw. Trigonometer. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Fachgebiet „Geodäsie“ an den (technischen) Schulen gelehrt. Für die Ausbildung der Ingenieure und der Trigonometer (Ingénieurs géographe) an den Schulen waren zunächst die Mathematiker zuständig.

So war an der damaligen Höheren Gewerbeschule in Darmstadt (ab 1864 Technische Schule und ab 1869 Polytechnische Schule) von 1843 bis 1871 der ord. Professor für Mathematik und praktische Geometrie Dr. JOH. PHIL. FISCHER und als sein Nachfolger der bereits ab 1864 an der Schule tätige, spätere erste Ordinarius für Geodäsie der Technischen Schule, ord. Professor Dr. ADAM NELL für die Ausbildung der Ingenieure in Geometrie und Geodäsie zuständig. Prof PhilippFischer, der von 1864 bis 1869 auch Direktor der Technischen Schule war, beschäftigte sich mit damals aktuellen Fragen der Geodäsie. So verfasste er 1845 das „Lehrbuch der höheren Geodäsie“ und veröffentlichte 1868 eine „Untersuchung über die Gestalt der Erde“, wobei es um die Frage ging, mit welchen Messmethoden man die ellipsoidische Gestalt der Erde bestimmen kann. Professor Nell war zudem von 1883 - 1889 Vertreter Hessens in der Europäischen Gradmessungskommission und von 1889 - 1891 Vertreter Hessens in der Internationalen Erdmessungskommission.

Mit der zunehmenden Spezialisierung und Diversifikation der Ingenieurfächer erfolgte um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jh. eine weitgehende Trennung der Forschung und Lehre der Ingenieurwissenschaften in Einzeldisziplinen. So wurde im Studienjahr 1910/11 auch das Geodätische Institut gegründet und kann damit in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiern.

Bis in die jüngste Vergangenheit war das Aufgabenfeld der Geodäsie klar umrissen. Landvermesser erarbeiteten im Gelände die geometrischen Grundlagen, überwiegend für Katasterzweck und technische Aufgaben (Eisenbahnbau, Straßenbau, Brückenbau etc.) und stellten sie in Plänen und Karten dar (Katasterkarten, Topographische Karten). Diese lokalen Auf­nahmen wurden von der Landesvermessung in einen regionalen und nationalen Rahmen (Koordinatensysteme) eingebunden, der gleichzeitig großräumigen Problemstellungen dient (Aufbau der Erde, Plattentektonik etc.). Die Erd­messung befasste sich mit der Bestimmung der Erde als Ganzem (einschließlich des Schwerefeldes) und der Orientierung des Erdkörpers im Raum. Die Bewältigung dieser Aufgaben stellte höchste Anforderungen an „Mess-, Rechen- und Darstellungs­kunst“.

Durch die tiefgreifenden technologischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte entstanden völlig neue Möglichkeiten für die Geodäsie. Die Merkmale dieses Wandels sind das Hinzukommen neuer Messprinzipien (elektronische Distanzmessung, Laserscanning, Satellitennavigation etc.), die Automatisierung von Mess- und Rechenabläufen durch die Elektronik, die Möglichkeit der digitalen Speicherung extrem großer Datenmengen und die Nutzung der Satellitentechnik zur Beobachtung und Vermessung der Erde aus dem Weltraum.

Die Folge sind eine außerordentliche Steigerung der Messgenauigkeit und auto­ma­tische, beliebig oft wiederholbare Messabläufe. Gleichzeitig konnte die punktweise Erfassung der Objekte (Vektor­darstellung) durch flächenhafte, räumliche oder gar raum-zeitliche Aufnahmen (Raster­dar­stellung) erweitert werden. Aus der Ver­netzung all dieser Informationsquellen und ihrer Verknüpfung mit fachlichen Infor­ma­tionen entstehen digitale Geoinformationssysteme (ein einfaches Beispiel aus der Praxis ist Google Earth).

Damit bieten sich der Geodäsie heute viele Möglichkeiten, Beiträge zu relevanten und aktuellen gesell­schaftlichen, aber auch wissenschaftlichen Herausforderungen zu leisten. Wichtige Herausforderungen moderner Daseinsvorsorge sind z.B. die zunehmende Bevölkerungsdichte bei gleichzeitig unver­mehrbarem Grund und Boden, die Zunahme des Warenverkehrs und die Beherrschung der sich verdichtenden Verkehrsströme, zunehmen­des Umweltbewusstsein, wachsende Beanspruchung der Erholungsräume ebenso wie zuneh­­mende Ansprüche der Bürger auf Mitsprache bei Planung und Planungs­ent­schei­dungen. Beispiele wissenschaftlicher Themenkomplexe, die die Geodäsie heute stark berühren, sind die Klimaproblematik, Veränderungen der Biosphäre, steigender Meeresspiegel oder die Vorhersage von Naturkatastrophen.

Die große Bandbreite heutiger geodätischer Forschung - von Dorf- und Stadterneuerung bis zur Mars­topographie, von Industrievermessung bis zur Architekturphotogrammetrie, von Umwelt­monitoring bis zum Antarktisprojekt, von Beiträgen zur Grundlagenphysik bis zur Fahrzeugnavigation oder Erdrotation - beweist, dass sich die Geodäsie auf einem guten Weg in die Zukunft ist.

Auch die Geodäsie leidet - wie viele Ingenieurdisziplinen - zurzeit unter Nachwuchsmangel. Trotz ausgezeichneter Berufsaussichten studieren immer weniger junge Leute Geodäsie, obwohl das Studium durch die Nachfrage in Wirtschafts-, Verwaltungs- und Forschungsbereichen sehr vielseitig gestaltet ist.

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